Dachdeckerhandwerk führt Mindestlohn von 12,90 Euro ein

Das Dachdeckerhandwerk will sich mit einem tariflichen Mindestlohn besser gegen Lohndumping aus dem Ausland schützen. Ab 2018 gelte für gelernte Dachdecker oder fachlich qualifiziert Arbeitende ein Mindestlohn von 12,90 Euro pro Stunde.
Dachdeckerhandwerk führt Mindestlohn von 12,90 Euro ein
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Darauf hätten sich der Zentralverband des Dachdeckerhandwerks und die Gewerkschaft IG BAU geeinigt, teilte der Verband am 6. Dezember in Köln mit. 2019 steigt der Satz auf 13,20 Euro. Zugleich wird der bereits bestehende Mindestlohn für ungelernte Dachdeckerhelfer für 2018 und 2019 leicht von 12,25 auf 12,20 Euro gesenkt.

Im Dachdeckerhandwerk ist die Nachfrage - wie überhaupt am Bau - derzeit sehr groß. Betriebe aus dem Ausland, oft aus Osteuropa, setzten durch Entsendung von Beschäftigten zu Löhnen ihrer Heimat den Markt unter Druck, sagte ein Gewerkschaftssprecher. Mit dem tariflichen Mindestlohn solle ein fairer Wettbewerb angekurbelt werden. Die 12,90 Euro müssten nämlich auch für in Deutschland tätige Beschäftigte aus dem Ausland gezahlt werden. Allerdings bleibe das Problem mangelnder Personalausstattung bei den Zollbehörden, die die Einhaltung auf den Baustellen kontrollieren. (dpa)

1,8 Millionen Berechtigte erhalten keinen Mindestlohn

1,8 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland verdienen weniger als den gesetzlichen Mindestlohn, obwohl sie einen Anspruch darauf haben. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin für das vergangene Jahr ermittelt, indem es Beschäftigte befragte. Die amtliche Statistik dagegen befragt die Arbeitgeber und kommt auf 1,1 Millionen Menschen, die weniger als die 2016 vorgesehenen 8,50 verdienten.
1,8 Millionen Berechtigte erhalten keinen Mindestlohn
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«Offensichtlich – und keineswegs unerwartet – wird das Mindestlohngesetz nicht in jedem Betrieb eins zu eins umgesetzt», sagte Studienautorin Alexandra Fedorets. Aus ihrer Sicht trickst ein Teil der Betriebe, etwa indem sie Bereitschaftszeiten nicht mehr bezahlen oder Kosten für Arbeitsmaterial vom Lohn abziehen.

Das DIW hatte die Beschäftigen in seiner Langzeitumfrage sozioökonomisches Panel auch nach ihrer tatsächlichen Arbeitszeit gefragt. Werden unbezahlte Überstunden beim Stundenlohn berücksichtigt, erhielten demnach sogar 2,6 Millionen Beschäftigte weniger als den Mindestlohn.

Keinen Anspruch haben Selbstständige, Azubis und Beschäftigte in Branchen mit Übergangsfristen. Werden sie mitgezählt, erhalten sogar 4,4 Millionen Erwerbstätige weniger als den Mindestlohn, wie das DIW ermittelte.

Insgesamt habe der 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn bedeutende Lohnsteigerungen gebracht, sagte Fedorets. «Jetzt muss alles daran gesetzt werden, dass der Mindestlohn tatsächlich alle erreicht, denen er laut Gesetz auch zusteht». Zu Jahresbeginn war der Mindestlohn auf 8,84 Euro gestiegen. (dpa)

Metallindustrie braucht neue Arbeitszeitmodelle

Im Tarifkonflikt der deutschen Metall- und Elektroindustrie hat IG-Metall-Chef Jörg Hofmann die geforderten Arbeitszeitverkürzungen mit teilweisem Lohnausgleich verteidigt. Die Arbeitgeber seien gesellschaftlich verpflichtet, es Arbeitnehmern zu ermöglichen, Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, sagte der Gewerkschafter am Mittwoch, 6. Dezember, dem Audio-Dienst der Deutschen Presse-Agentur.
Metallindustrie braucht neue Arbeitszeitmodelle
Bild: Sophia Kembowski/dpa

Neue Arbeitszeitmodelle seien für die Industrie wichtig, meinte Hofmann. «Die Branche leistet sich bis heute, dass wir nur 20 Prozent Frauen beschäftigen. Wenn sie Fachkräfte in Zukunft will, braucht sie Arbeitszeitmodelle, die es attraktiv machen, in der Metall- und Elektroindustrie zu arbeiten.»

Die Arbeitgeber hatten bereits vor der am Mittwoch beginnenden zweiten Verhandlungsrunde wegen des Arbeitszeitkonflikts von der härtesten Tarifrunde seit Jahrzehnten gesprochen. Hofmann mahnte dazu, zunächst die Verhandlungen abzuwarten. «Ich bin überrascht über diese Tonlage. Selbst einen Arbeitskampf herbeizurufen in einer Lage, in der die Betriebe höchstausgelastet sind, ist unverantwortlich.»

Die IG Metall hat neben 6 Prozent mehr Gehalt gefordert, dass alle Beschäftigten befristet auf zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen können. Bestimmte Beschäftigtengruppen wie Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und pflegende Angehörige sollten dafür einen Lohnausgleich erhalten. Der Arbeitgeber-Verband Gesamtmetall hat diese Vorstellungen unter Verweis auf den Fachkräftemangel rundweg abgelehnt.

Warnstreiks unter anderem in den Schlüsselbranchen Auto, Maschinenbau und Elektro sind erstmals nach dem Ablauf der Friedenspflicht im neuen Jahr möglich. (dpa)

«Kein Geld fürs Nichtstun»

Die Metallarbeitgeber sehen keinerlei Spielraum bei der von der IG Metall geforderten 28-Stunden-Woche mit teilweisem Lohnausgleich. «Wer mehr arbeitet, verdient mehr. Wer weniger arbeitet, verdient weniger. Daran werden wir nicht rütteln», sagte Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger den Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (Montag).
 «Kein Geld fürs Nichtstun»
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Er fügte hinzu: «Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben.» Man müsse sich auf die «härteste Tarifrunde der letzten Jahrzehnte» einstellen.
Mit Blick auf die Entgeltforderung sagte Dulger, die Beschäftigten sollten fair an den Erfolgen der Unternehmen beteiligt werden. «Bei den Entgelten werden wir uns auch diesmal mit der IG Metall irgendwie einigen können.»
In den Verhandlungen für die bundesweit rund 3,9 Millionen Beschäftigten will die Gewerkschaft neben der Möglichkeit einer kürzeren Arbeitszeit sechs Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber fordern hingegen mehr Möglichkeiten, die Arbeitszeit mit Lohnausgleich auszudehnen, und Mitarbeiter länger befristet einzustellen. In dieser Woche startet die zweite Runde der Tarifverhandlungen. Warnstreiks sind erstmals nach Ablauf der Friedenspflicht zu Beginn des neuen Jahres möglich. (dpa)

Viele Beschäftigte fürchten Jobvernichtung

Viele Arbeitnehmer in Deutschland fürchten eine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Der Anteil derer, die einen Wegfall von Arbeitsplätzen befürchten, ist mit 38 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Beschäftigten, die Digitalisierung eher als Jobmotor sehen.
Viele Beschäftigte fürchten Jobvernichtung
Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Das geht aus dem am 28. Novvember in Berlin vorgelegten BKK Gesundheitsreport hervor. Der größte Anteil der Befragten (45 Prozent) geht allerdings davon aus, dass sich der Wegfall und der Zuwachs von Arbeitsplätzen bei der Digitalisierung die Waage halten werden. Mehr als zwei Fünftel der Beschäftigten erledigen nach eigenen Angaben durch die Digitalisierung Aufgaben schneller sowie mehrere Aufgaben gleichzeitig. Mehr als jeder Fünfte gibt an, sich durch die
Digitalisierung überlastet beziehungsweise ausgebrannt zu fühlen. 29 Prozent erledigen auch in ihrer Freizeit Arbeit.
Bezüglich der psychischen Gesundheit sehen 28 Prozent der Befragten eine stärkere Belastung durch die Digitalisierung. Nur einer von zehn Befragten fühlt sich dagegen eher weniger belastet. Die Mehrheit sieht sich durch die Auswirkungen der Digitalisierung ihrer Arbeit nicht mehr oder weniger gesundheitlich beeinträchtigt.
Für mehr als jeden zweiten Beschäftigten ist die Digitalisierung fester Bestandteil der Arbeit, für weitere 38,5 Prozent spielen entsprechende Werkzeuge zumindest zeitweise eine wichtige Rolle.
Beim Krankenstand setzt sich ein langjähriger Trend fort: der Anstieg der Fehltage wegen psychischer Leiden. Sie machten im vergangenen Jahr einen Anteil von 16 Prozent aus, im Vergleich zu 10 Prozent zehn Jahre zuvor. Die Betriebskrankenkassen machten die zunehmende Verdichtung der Arbeit und die rasant fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt mit dafür verantwortlich. Auf der anderen Seite würden körperliche Belastungen durch zunehmende Technisierung und Digitalisierung reduziert.
Insgesamt fielen die Beschäftigten 2016 17,4 Tage krankheitsbedingt aus. Rund die Hälfte aller Krankentage entfallen auf Muskel- und Skeletterkrankungen wie Rückenleiden, Erkrankungen des Atmungssystems und psychische Störungen.
Angesichts der Digitalisierung auch im Gesundheitswesen ist es für 79 Prozent der Befragten wichtig, selbst bestimmen zu können, welche anderen Personen oder Institutionen ihre Gesundheitsdaten einsehen können. 82 Prozent finden es ebenso wichtig, dass ihre persönlichen Gesundheitsdaten vor Missbrauch geschützt werden.

Viele sind dabei vor allem bereit, Angebote zu nutzen, die Formales vereinfachen. Dazu zählen das digitale Übermitteln von Meldungen an die Krankenkasse (58 Prozent), Erinnerungsfunktionen für Vorsorge und Impfungen (43 Prozent) und Datenverwaltung in einer elektronischen Gesundheitsakte (42 Prozent). (dpa)

Arbeitslosenzahl auf Rekordtief

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland bleibt weiter auf Rekordtief. Mit 2,368 Millionen sei die Zahl der Arbeitslosen zuletzt auf den niedrigsten Novemberstand seit 1991 gesunken, teilte die Bundesagentur für Arbeit (BA) gestern (30. November) in Nürnberg mit.
Arbeitslosenzahl auf Rekordtief
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Damit gab es 20 000 Jobsucher weniger als im Oktober und sogar 164 000 weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Punkte auf 5,3 Prozent. «Der Rückgang ist damit etwas stärker ausgefallen als sonst im November üblich», betonte BA-Vorstandsmitglied Valerie Holsboer.
Rechnet man allerdings zu der offiziellen Arbeitslosenzahl noch Jobsucher hinzu, die in Aus- und Fortbildungen, Trainingsmaßnahmen oder in Ein-Euro-Jobs für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen, lag die Zahl der Arbeitssuchenden um knapp eine Million höher - nämlich bei 3,359 Millionen. Fachleute sprechen von der «Unterbeschäftigung», die ihrer Ansicht nach ein besseres Bild über die Situation auf dem Arbeitsmarkt liefert als die Arbeitslosenzahl.
Ein Grund für die «sehr gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt» ist nach Holsboers Einschätzung die weiterhin robuste Konjunktur. Darauf weise nicht nur der starke saisonbereinigte Rückgang um 18 000 Erwerbslose hin, sondern auch die steigende Zahl der Arbeitsplätze. So habe es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zuletzt im Oktober 44,74 Millionen Erwerbstätige gegeben - 650 000 mehr als vor einem Jahr. Die Zahl der regulären Stellen mit Sozialversicherungspflicht kletterte nach BA-Hochrechnung im September auf 32,74 Millionen - 727 000 mehr als vor einem Jahr.
Ausgesprochen zufrieden mit der Arbeitsmarkt-Lage zeigte sich gestern auch die geschäftsführende Bundesarbeitsministerin Katarina Barley (SPD). «Am Arbeitsmarkt zeigt sich keine Spur von November-Blues», stellte sie fest. Trotzdem blieben Herausforderungen: «Denn trotz der leicht positiven Tendenz im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit mahnen uns die immer noch knapp 862 000 Menschen, die anhaltend keine Beschäftigung finden, unseren Einsatz für diese Gruppe deutlich zu verstärken», sagte sie.

Erste Lichtblicke gibt es nach Einschätzung von BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker bei der Flüchtlingsarbeitslosigkeit. Zwar galten im November immer noch 420 000 Flüchtlinge als arbeitssuchend; zugleich fänden aber auch immer mehr Asylsuchende eine Arbeit. So hätten im September 195 000 Männer und Frauen aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern einen regulären Job gehabt - 75 000 mehr als vor einem Jahr. Zumeist arbeiteten sie für Zeitarbeitsfirmen, Kurierdienste oder in der Gastronomie. Dadurch sank im November erstmals seit Ende 2014 die Flüchtlingsarbeitslosigkeit leicht - und zwar auf 175 000.

Leicht getrübt wurde die November-Bilanz der Bundesagentur lediglich durch die Air-Berlin-Pleite. Dadurch, so Becker, sei die Zahl der Arbeitslosen in der Luftfahrtbranche hochgeschnellt. Liege die Zahl der arbeitslosen Luftfahrtbeschäftigten bundesweit für gewöhnlich bei 100 bis 200, so sei sie im November auf rund 1800 gestiegen. Wie stark sich der geplante Jobabbau an den verschiedenen deutschen Siemens-Standorten auswirken werde, sei dagegen noch unklar. Becker räumte ein, dass es darüber bereits im Vorfeld mit der Siemens-Unternehmensführung Gespräche gegeben habe.

Zunehmend wird auch der Fachkräftemangel in einigen Branchen zum Thema bei der Bundesagentur. Von einem flächendeckenden Problem könne - mit Ausnahme der Altenpflege - derzeit aber noch keine Rede sein. Um das Problem abzumildern, setze die BA zunehmend auf eine verstärkte Aus- und Fortbildung von Arbeitslosen in den Engpassberufen. «Auch werden wir die gesteuerte Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern verstärkt in den Fokus nehmen», kündigte Becker an. Seine Kollegin Holsboer erinnerte zum bevorstehenden «Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung» (3. Dezember) zudem an das große Potenzial gut ausgebildeter Behinderter. «Sie können Teil der Lösung der Fachkräfteknappheit sein», machte sie deutlich. (dpa)

Siemens-Betriebsrat verhandelt doch über Stellenabbau

Nach einer Welle der Empörung über den geplanten Stellenabbau bei Siemens lenkt die Arbeitnehmerseite jetzt ein. Betriebsrat und IG Metall erklärten sich am Donnerstag (30. November) zu ergebnisoffenen Gesprächen mit dem Management bereit. Diese könnten schon nächste Woche beginnen, hieß es aus Unternehmenskreisen.
Siemens-Betriebsrat verhandelt doch über Stellenabbau
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Siemens hatte vor zwei Wochen angekündigt, in den Kraftwerks- und Antriebssparten 6900 Arbeitsplätze zu streichen, die Hälfte davon in Deutschland. Die Standorte Leipzig und Görlitz sollen geschlossen werden, Offenbach steht auf der Kippe. Betriebsrat und IG Metall hatten Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen sofort für tabu erklärt, jedes weitere Gespräch als sinnlos erachtet und mit Streiks gedroht. An vielen Standorten gab es Proteste, erst am Mittwoch waren in Görlitz etwa 2500 Menschen auf die Straße gegangen.

Nach einer Aufsichtsratssitzung in München teilten die Arbeitnehmervertreter und das Management am Donnerstag gemeinsam mit, sie hätten vereinbart, «unverzüglich die Gespräche» über die Pläne aufzunehmen und «in einem offenen Dialog nach gemeinsamen Lösungen zu suchen». Die Gespräche sollen sowohl auf der Ebene von Vorstand und Gesamtbetriebsrat als auch an den Strandorten geführt werden, hieß es aus Konzernkreisen.

Der Chef des Kontrollgremiums, Gerhard Cromme, verteidigte die Kürzungspläne. Der Markt in der fossilen Energieerzeugung werde sich nicht wieder erholen, sagte er dem «Handelsblatt» mit Blick auf die Folgen der Energiewende mit immer mehr Nachfrage nach Öko-, Solar- oder Biostrom auf Kosten der konventionellen Produktion. «Wir können keine Turbinen bauen, die wir dann auf dem Werksgelände vergraben müssen, weil sie niemand haben will.»

Siemens will auf betriebsbedingte Kündigungen möglichst verzichten, schließt sie aber auch nicht aus. Der Stellenabbau in Deutschland soll bis 2023 abgeschlossen werden.

Der Großteil - 6100 Stellen - soll in der Kraftwerkssparte gestrichen werden. Sie gehört zwar noch zu den umsatzträchtigsten Geschäftsfeldern, aber der Markt für große Gasturbinen ist um 40 Prozent, für Dampfturbinen sogar um 70 Prozent geschrumpft.

Rund 800 Stellen sollen in der Antriebssparte wegfallen, die Elektromotoren für den Bergbau sowie die Öl- und Gasindustrie herstellt. Wegen des niedrigen Ölpreises wird dort seit längerem wenig investiert. Allerdings hatte Siemens-Chef Joe Kaeser etwa den US-Kompressoren-Hersteller Dresser-Rand für 7,8 Milliarden Dollar gekauft. Auch dieser hatte mit der Ölpreisflaute und der Investitionsschwäche der Kunden gekämpft. (dpa)

Eine Milliarde für Arbeitslose droht in die Verwaltung zu fließen

Arbeitgeber und Gewerkschaften fordern ein Ende der Verschiebung immer größerer Summen zu Lasten der Eingliederung von Langzeitarbeitslosen. «Für 2018 droht diese Umschichtungssumme, die dann nicht für die Eingliederung der Arbeitslosen zur Verfügung steht, auf eine Milliarde Euro anzuwachsen», heißt es in einem am Freitag, 1. Dezember, in Berlin bekannt gewordenen Brief von Peter Clever von der Hauptgeschäftsführung des Arbeitgeberverbands BDA und Annelie Buntenbach vom DGB-Bundesvorstand. «Diese Umschichtungen müssen der Vergangenheit angehören», schrieben sie an führende Politiker der Bundestagsfraktionen. Buntenbach und Clever führen auch den Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit (BA).
Eine Milliarde für Arbeitslose droht in die Verwaltung zu fließen
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«Die Jobcenter brauchen genau diese Milliarde mehr für aktive Hilfe», sagte Clever der Deutschen Presse-Agentur. Seit 2005 wurden 3,5 Milliarden Euro aus Eingliederungsmitteln zur Deckung von Verwaltungskosten der Jobcenter verwendet, wie eine Regierungsantwort auf eine Linke-Anfrage zeigt, die der dpa vorliegt. 2016 wurden 764 Millionen Euro umgeschichtet - 18,4 Prozent der Eingliederungsmittel.
Eingliederung in den Arbeitsmarkt geschieht etwa durch Fort- und Ausbildung oder Trainingskurse. Aus dem Verwaltungsbudget der Jobcenter werden Vermittler bezahlt, aber auch Leistungsabteilungen, die Hartz-IV-Bescheide schreiben. In dieses Budget fließt viel Geld.
«Seit Jahren reichen die Mittel für die Jobcenter hinten und vorne nicht», sagte Buntenbach der dpa. «Die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit muss ganz oben auf die Tagesordnung einer neuen Regierung.» Bei der derzeit guten Konjunktur gebe es die Chance, verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit abzubauen. Clever forderte, jede neue Regierung müsse zu einer Neuordnung bereit sein.
Buntenbach und Clever verlangen zudem eine Reduzierung der Fallzahlen bei Vermittlern und Fallmanagern sowie weitere Rechts- und Verwaltungsvereinfachungen bei Hartz IV. Solche Vereinfachungen hatten Union und SPD 2016 beschlossen. Das Ziel: mehr Zeit für Vermittlung statt für Bürokratie. Die Personalräte der Jobcenter kritisierten das Gesetz damals als völlig unzulänglich.
Zwar sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen laut BA binnen eines Jahres um 82 000 auf 862 000. Doch um deren Zahl dauerhaft weiter zu senken, braucht es laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mehr Jobcenter-Personal und berufliche Förderung. BA-Chef Detlef Scheele beklagte zuletzt mehrfach zu wenig Geld für die Jobcenter. 2013 hatte die Regierung das Budget gedeckelt.
Clever mahnte: «Aber wir dürften auch nicht einfach viel Geld auf die Probleme werfen.» Die Mittel müssten wirksam und wirtschaftlich eingesetzt werden. Heute werde die Wirkung der Maßnahmen nicht systematisch gemessen. Buntenbach sagte: «Vermittlung in kurzzeitige und prekäre Beschäftigung, die nicht aus dem Teufelskreis heraus führt, darf nicht als Erfolg gewertet werden.»
Die Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, forderte ein Ende des «Kahlschlags in der Arbeitsmarktpolitik». Langzeiterwerbslose, ältere Erwerbslose und erwerbslose Menschen mit Behinderungen hätten nur geringe Jobchancen. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hatte am Mittwoch eine «bessere, individuelle Förderung» von Langzeitarbeitslosen verlangt.
Die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz kritisierte, die BA beschwere sich erst jetzt über zu geringe Mittel. Während der großen Koalition habe faktisch ein Stillhalteabkommen zwischen Arbeitsministerium und BA gegolten. «In allen Haushaltsberatungen wurde eine strukturelle Unterfinanzierung der Jobcenter von beiden vehement geleugnet.»
Der FDP-Abgeordnete Johannes Vogel forderte andere Verbesserungen: «Zu viele Langzeitarbeitslose werden durch die heutigen Zuverdienstregeln beim Arbeitslosengeld II auf ihrem Weg in die finanzielle Selbstständigkeit behindert.»
Eine neue Regierung muss nach Ansicht der Kritiker rasch handeln, auch eine neue große Koalition. In ihrem Wahlprogramm versprach die Union: «Wir finden uns mit der hohen Zahl von Langzeitarbeitslosen nicht ab.» Qualifizierung und Vermittlung würden deutlich verbessert. Die SPD kündigte an: «Mit dem sozialen Arbeitsmarkt schaffen wir neue Perspektiven für Langzeitarbeitslose, die auf absehbare Zeit keine realistischen Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.» (Basil Wegener, dpa)

Hosenhersteller Gardeur muss Stellen streichen

Der insolvente Hosenhersteller Gardeur plant einen Stellenabbau in seiner Zentrale in Mönchengladbach. «Es sind Kündigungen zu erwarten», sagte eine Unternehmenssprecherin am 28. November. Grund dafür seien die starken Umsatzrückgänge der vergangenen Monate.
Hosenhersteller Gardeur muss Stellen streichen
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Wie viele der bislang noch 230 Stellen in der Firmenzentrale genau in Gefahr sind, konnte die Sprecherin nicht sagen. Die «Rheinische Post» (Dienstag) hatte zuvor darüber berichtet.
Gardeur hatte Anfang Oktober Insolvenz anmelden müssen. Der vorläufige Insolvenzverwalter Biner Bähr hofft jedoch, noch in diesem Monat einen Investor präsentieren zu können, der das Überleben des Unternehmens sichert. Insgesamt fünf Interessenten seien zuletzt noch Verhandlung mit Bähr gewesen, sagte die Sprecherin.
Wie viele Arbeitsplätze am Ende gestrichen werden müssen, dürfte auch vom Investor abhängen - und davon, über welche Kapazitäten er selbst verfügt. Zurzeit betreibt Gardeur in Mönchengladbach noch praktisch alle Schritte beim Produktentwurf selbst - vom Design bis zur Modellnäherei.
Insgesamt beschäftigt Gardeur rund 1600 Mitarbeiter. Der größte Teil davon arbeitet allerdings in den nicht von der Insolvenz betroffenen Fabriken in Tunesien. (dpa)

Hauptjob von Nebenjobbern: eher Teilzeit, eher weniger gut bezahlt

Mehr als drei Millionen Erwerbstätige in Deutschland haben zusätzlich zu ihrer Hauptbeschäftigung einen Nebenjob. Oft sind Mehrfachbeschäftigte in ihrer Hauptbeschäftigung in Teilzeit tätig. Häufiger als bei den Einfachbeschäftigten sind unter den Nebenjobbern Frauen, ausländische Staatsangehörige und Personen mittleren Alters vertreten. Meistens wird eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit mit einem Minijob kombiniert. Das geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.
Hauptjob von Nebenjobbern: eher Teilzeit, eher weniger gut bezahlt
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Die Hauptbeschäftigungen von Mehrfachbeschäftigten sind meistens weniger gut bezahlt als die Beschäftigungsverhältnisse von Personen ohne Nebenjob. Der Einkommensunterschied liegt bei rund 570 Euro pro Monat. Zu einem kleinen Teil lässt sich diese Differenz durch eine geringere Wochenstundenzahl bei den Beschäftigungsverhältnissen erklären. Ein weiterer Faktor sei jedoch, dass es sich bei der Hauptbeschäftigung von Mehrfachbeschäftigten oft um Berufe handelt, in denen weniger verdient wird, erklären die Studienautoren Sabine Klinger und Enzo Weber. So haben Mehrfachbeschäftigte beispielsweise häufig Berufe in den Bereichen Verwaltung und Büro oder Gesundheits- und Sozialwesen. Dabei übt ein Drittel im Haupt- und Nebenjob denselben Beruf aus.
Seit 2003 hat sich die Anzahl der Mehrfachbeschäftigten mehr als verdoppelt. Begünstigt wurde dies durch die sehr gute Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes, die über viele Jahre hinweg schwache Lohnentwicklung sowie die starke Zunahme der Teilzeitbeschäftigung, so die Studie. Einen wesentlichen Impuls setzten zudem gesetzliche Änderungen, die geringfügige Beschäftigungen für die Arbeitnehmer von Steuern und Sozialabgaben freistellen.
Diese Bevorzugung geringfügiger Zweitbeschäftigungen sehen Klinger und Weber kritisch. Eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit durch Anreize zu belohnen sei zwar mit Blick auf die finanzielle Situation der Arbeitnehmer wie auch mit Blick auf Fachkräfteengpässe grundsätzlich richtig. Zudem sei gerade für Geringverdiener, die überdurchschnittlich häufig Nebenjobs ausüben, die Abgabenbelastung in Deutschland im internationalen Vergleich recht hoch. »Die Begünstigung einer zweiten Beschäftigung bei einem anderen Arbeitgeber ist aber nicht das richtige Instrument, um hier gegenzusteuern. Erstens profitieren von der Regelung auch viele Gutverdiener. Zweitens leisten kleine Nebenjobs gerade für die Personen, für die es besonders wichtig wäre, kaum einen Beitrag für eine nachhaltige berufliche Entwicklung und Alterssicherung«, argumentieren Klinger und Weber. Sinnvoller sei es, die Arbeit in der Hauptbeschäftigung zu stärken, beispielsweise durch eine Entlastung niedriger Verdienste bei den Sozialabgaben.

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