Wie Kliniken ausländische Kräfte umwerben

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Sein Arbeitgeber hatte vorgesorgt: Als Samed Qoshja im Januar 2017 in Berlin ankam, wurde er am Flughafen abgeholt, ein bezahlbares Appartement war bezugsbereit. Der damals 23-Jährige musste nur noch den Mietvertrag unterschreiben und hatte wenig später den ersten Arbeitstag. Für Behördengänge und weitere Fragen bekam er Helfer. Dabei ist Qoshja kein hoch bezahlter Manager - es sind Pflegekräfte, denen die Universitätsklinik Charité in Berlin solche Starthilfe gibt. Qoshja war einer der ersten von inzwischen dutzenden Pflegern, die gezielt in Albanien angeworben wurden. In dem früher kommunistisch geführten Land gibt es etwas, wovon Deutschland derzeit nur träumen kann: Pfleger-Überschuss.

Qoshja sagt, er habe den Wechsel nach Berlin früh in seinem Berufsleben als Herausforderung gesehen. «Ich wollte gucken, wie das ist. Ich bin noch jung.» Zehn Monate lernte er intensiv Deutsch, bevor es losging, auch eine Fachprüfung stand an. Heute anwerben, morgen pflegen - ganz so leicht ist es jedoch nicht. In der ersten Zeit seien zwei Welten aufeinandergeprallt, sagt Qoshjas Vorgesetzte auf der neurochirurgischen Station am Klinikum Benjamin-Franklin. Heute lässt der humorvolle Ton unter den Kollegen ihn wie ein Musterbeispiel für gelungene Integration wirken. Wer von den Hürden der Vergangenheit hört, ahnt, dass es anders hätte kommen können. Europas größte Uni-Klinik mit 4500 Pflegekräften begann 2016, im Ausland Verstärkung zu suchen - unter Zugzwang. Die Gewerkschaft Verdi hatte die Charité mit einen Tarifvertrag zur Einstellung zusätzlicher Pfleger gedrängt. «Ganz sicher war die Anpassung des Personals an den Bedarf und weniger ans Budget nochmal treibende Kraft dahinter, dass wir in die Akquise gegangen sind», sagt Pflegedirektorin Judith Heepe. Das Thema treibe aber viele Kliniken schon länger um. Alle haben Probleme, vakante Stellen nachzubesetzen. Kein Berliner Problem allein: In der Alten- und Krankenpflege sind deutschlandweit rund 35 000 Stellen nicht besetzt. Mit einem «Walk of Care» wollen hunderte Azubis und examinierte Schwestern und Pfleger an diesem Samstag bessere Arbeitsbedingungen fordern. «Wir sind überzeugt, dass wir für Veränderungen in der Pflege selbst aktiv werden müssen», schreiben die Organisatoren vom Zusammenschluss Berliner Pflegestammtisch. Sie wollen bewusst unabhängig sein von Dachorganisationen. Die Lage in der Hauptstadt ist alles andere als rosig. Laut Verdi ist Berlin allein 3000 Pflegestellen von «gesunden Krankenhäusern» entfernt, von anderen Bereichen wie der Altenpflege ganz zu schweigen. Obwohl die Charité auch die Bemühungen um Nachwuchs verstärkt, etwa mit einem Pflege-Studiengang ab 2020, und mehr für Bestandsbeschäftigte tun will, war klar, dass sich der akute Bedarf nicht aus eigener Kraft decken lässt. Pfleger aus Nachbarländern einzuladen, was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kürzlich vorschlug, war keine Option. «Wichtig war mir, dass wir mit einem Land den Prozess gestalten, das nicht selber unter einem Mangel leidet», sagt Heepe. So fielen europäische Nachbarn weg. Zudem habe die Erfahrung mit Pflegern aus Spanien und Italien gezeigt, dass eine geringe Distanz zur Heimat eine Rückkehr in Krisenphasen begünstigt; andere nutzten eine Zeit in Berlin nur als Karriere-Sprungbrett und zogen dann weiter. Sogar das Wetter in Deutschland ist ein Rückkehrgrund. So kam die Charité, anfangs mit Hilfe einer Vermittlungsagentur und inzwischen auf eigene Faust, auf Albanien und Mexiko. Generell konzentrieren sich Anbieter, Vermittlungsprogramme und Kooperationen derzeit auf Nicht-EU-Herkunftsregionen, auch in der Altenpflege: Westbalkan, Ukraine, Philippinen, Vietnam. Die vor allem als Prüforganisation bekannte Dekra etwa ist in dem Bereich tätig: Mit dem Projekt «Expert Migration» werden ausländische Pfleger berufsbegleitend in der Heimat weitergebildet und in die deutsche Pflegebranche vermittelt. Arbeitgeber lassen sich die Vermittlung und die sprachliche und fachliche Vorbereitung über im Schnitt 18 Monate 8000 bis 9000 Euro pro Kopf kosten. Nach Dekra-Angaben sollen 1500 Fachkräfte 2018 auf diesem Weg ihre Arbeit hierzulande aufnehmen. An die Charité kamen bisher nach und nach 70 Pfleger wie Samed Qoshja. Zurückgekehrt sei nur eine Pflegerin, die schwanger war, sagt Heepe. Insgesamt spricht sie von einer «positiven Erfahrung», die aber auch viel Herz und pragmatisches Handeln erfordere. Künftig wolle man jährlich um weitere 60 im Ausland rekrutierte Kräfte wachsen. Anwerben in einer Größenordnung von 200 Neuen auf einen Schlag hält die Pflegedirektorin nicht für erfolgversprechend. Was Heepes Zahlen nicht ausdrücken, ist der Aufwand hinter jedem einzelnen Fall. Sie spricht von einem «Dschungel» an Administration: Über mehrere Ämter und viele Formulare führe der Weg zur Anerkennung der beruflichen Qualifikation - ein monatelanger Prozess. Das Visum und weiterführende Sprachkurse wollen organisiert sein. Und dann sind da noch die persönlichen Sorgen der Neuen, für die man ein offenes Ohr hat - schließlich sollen die Pfleger ja bleiben. Für manche albanische Krankenschwestern sei es zum Beispiel anfangs ein Problem gewesen, allein in einer Wohnung zu übernachten, erzählt Heepe. Sie hätten Angst gehabt und am Ende zu fünft in einem Bett geschlafen. In der ersten Zeit laufen die neuen Pfleger nur bei Kollegen mit. «Sonst wäre das ein Schock gewesen», sagt Qoshja, der aus der nordalbanischen Stadt Shkodra stammt. Angesichts der vielen Pfleger in seiner Heimat war Unterbesetzung für ihn ein ungekannter Zustand. «Die Krankenhäuser in Albanien sind nicht nach wirtschaftlichen Aspekten ausgerichtet», sagt er. Sie seien sehr modern. Die Charité hingegen hat einen harten Sparkurs hinter sich, die Personaldecke ist dünn, die Schlagzahl hoch. Seit Jahren steigert sie die Zahl der Patienten und Operationen immer weiter, um schwarze Zahlen zu schreiben. Die anfänglichen Schwierigkeiten haben auch mit unterschiedlichen Berufsbildern zu tun. Qoshja hat keine Ausbildung, sondern ein Studium mit Praxisphasen absolviert. Um Aufgaben wie die Körperpflege der Patienten müssten sich Pfleger in Albanien selten kümmern, das sei Sache der Angehörigen, sagt er. Dafür dürfe er dort ohne ärztliche Anordnung Medikamente geben. Wenn ein erfahrener Pfleger Dienst hat, würden auch manche Notfälle ohne Arzt geregelt. Undenkbar in Deutschland. Dafür muss an Kliniken hier jedes Detail dokumentiert werden. Sein ungläubiges Staunen über diesen Aufwand ist noch immer in seinem Gesicht abzulesen, wenn er davon spricht. Auch neben der Arbeit lief nicht alles glatt: 13 Monate suchte Samed Qoshja eine größere Wohnung, aus dem Übergangs-Appartement ist er erst kürzlich ausgezogen. Ohne die Unterstützung von Kollegen hätte es nicht geklappt, sagt er. Für albanische Kolleginnen etwa, die Mann und Kinder nachholen wollen, sei der Wohnungsmarkt ein Riesenproblem. «Wir Ausländer bekommen oft nicht einmal eine Antwort vom Vermieter.» Albanien verbänden leider bisher die wenigsten mit dem Land, aus dem Mutter Teresa stammt, so Pflegedirektorin Heepe. Zweifel und Fragen habe es anfangs auch in der Belegschaft gegeben: «Ängste sind da und es ist völlig ignorant, wenn man sagen würde, dass wir das hier in Berlin nicht kennen.» Mit Infos über Land und Leute sowie mit Fotos der künftigen Kollegen habe man vorgesorgt. Auch von den allermeisten Patienten kämen positive Rückmeldungen zur herzlichen Art der Neuen. Insgesamt aus 80 Nationen kommen die Charité-Mitarbeiter, von der Ärztin bis zur Putzkraft. Samed Qoshja fühlt sich trotz der stressigen Arbeit wohl, wie er sagt. «Wieso sollte ich wieder gehen?» (dpa)