Stellenmarkt-direkt.de - Jobbörse, Stellenangebote, Jobs

Wenn Großstädter zum Job rauspendeln

Christiane hipp dpa

Christiane Hipp klappt ihr Fahrrad zusammen. Sie weiß genau, an welcher Stelle des Bahnsteiges sie stehen muss, um an ihren Stammplatz im Zug zu kommen. Es ist früh am Morgen in Berlin, die Regionalbahn fährt ein. Pendlerströme drängen von allen Richtungen in die Hauptstadt. Für Hipp geht es jeden Tag in die andere Richtung - gegen den Strom aus der Metropole heraus. Obwohl es eine kleinere Gruppe ist: Die Zahl der Berliner, die für den Job aus der Großstadt rauspendeln, wächst. Das ist auch andernorts so.

«"Waaas, du pendelst von Berlin nach Cottbus?", haben schon viele ganz ungläubig gefragt», berichtet Hipp, die Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg ist. «Das ist für Berliner unvorstellbar weit weg.» Ein anderer Reisender im Regionalzug Richtung Brandenburg bestätigt das: «Das ist für die Leute immer ein Schockeffekt, wenn man erzählt, dass man von Berlin rauspendelt». Der Grund, warum Hipp seit Jahren ins gut 125 Kilometer entfernte Cottbus pendelt, ist ein familiärer: Ihr Sohn ging in Berlin bis vor kurzem zur Schule. Berlin zieht viel mehr Pendler an als umgekehrt. 2018 pendelten laut Bundesagentur für Arbeit gut 321 000 Arbeitnehmer in die Hauptstadt rein und annähernd 186 000 Berliner raus. Beide Zahlen, die sich jeweils auf sozialversicherungspflichtige Jobs beziehen, sind gestiegen. 2012 gab es noch fast 35 000 Berliner weniger, die rauspendelten. Pendler ist, wer seinen Arbeitsplatz nicht am Wohnort hat. Wie viele von ihnen jeden Tag in Deutschland in Autos oder in Zügen sitzen, ist nicht exakt zu ermitteln. Ein Richtwert ist die Gruppe der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, weil statistisch erfasst ist, wo sie wohnen und wo sie arbeiten. Im Jahre 2012 pendelten rund 17,33 Millionen Arbeitnehmer, 2018 waren es bereits rund 19,75 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilt. Der Pendler-Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg leicht von 58,69 Prozent auf 59,33 Prozent. Der Verkehrsexperte vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Thomas Pütz, ordnet die steigenden Zahlen ein. «Das liegt vor allem mit daran, dass wir eine relativ gute konjunkturelle Entwicklung haben, die sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirkt. In den letzten Jahren gab es einen enormen Beschäftigungszuwachs.» 2012 hatten gut 29,5 Millionen Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Job, 2018 waren es rund 33,29 Millionen. Der Anteil der Pendler sei in den vergangenen Jahren in etwa konstant geblieben, erläutert Pütz. Anfang der 2000er Jahre war das noch anders: damals lag der Pendler-Anteil demnach noch bei rund 54 Prozent. Seit einigen Jahren stagniere der Wert bei knapp unter 60 Prozent. Als deutschlandweiten Trend macht Pütz aus, dass das Pendeln zwischen Großstädten immer stärker geworden sei. Und: «Während die Zahl der Beschäftigten in Kleinstädten und Landgemeinden in der Nähe der großen Zentren stark zulegt, verlieren die Kleinstädte und Landgemeinden abseits der Ballungsräume anteilsmäßig deutlich.» Dass das Umland von Großstädten Pendler anzieht, bemerkt auch Christiane Hipp jedes Mal im Zug. «Gleich sind wir in KW, dann steigen viele aus», sagt sie. Mit KW meint sie die Kleinstadt Königs Wusterhausen, die im sogenannten Speckgürtel rund um die Hauptstadt liegt. In der Nähe befindet sich auch die Gemeinde Schönefeld, bekannt durch den Flughafenstandort. Die Zahl der Pendler aus Berlin dorthin hat sich zwischen 2000 und 2017 nach Angaben des Bundesinstituts mehr als verdoppelt auf gut 9400. Was sind die Gründe? Es haben sich neue Firmen angesiedelt, wie es von der Gemeinde heißt. Zudem spüre man, dass die Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER näher rücke. Firmen suchten seine Nähe. Auch seien neue Kreisverkehre und Straßen gebaut worden, die Verkehrsbedingungen hätten sich verbessert. Auch in Hamburg ist es der Flughafen, der für einen Pendlerstrom aus der Stadt heraus sorgt. Zwar liegt der Flughafen auf Stadtgebiet, nur ein kleiner Teil der Piste ragt im Norden über die Landesgrenze hinaus nach Norderstedt in Schleswig-Holstein. Dort haben sich im Airport-Umfeld aber viele Firmen, auch nationale und internationale Konzerne, angesiedelt. 10 570 Hamburger pendelten 2017 nach Norderstedt zur Arbeit, knapp 2000 mehr als noch zehn Jahre zuvor. Insgesamt hatten 72 830 Hamburger 2017 ihren Arbeitsplatz jenseits der Stadtgrenzen. Mit der baulichen Verdichtung der Stadt auch in den Randgebieten sind viele Umlandgemeinden inzwischen mit Hamburg zusammengewachsen - gäbe es keine Ortsschilder, würde man vielerorts kaum merken, dass man nicht mehr in der Stadt ist. Und da Bauland in Hamburg knapp und teuer ist, zieht es viele Unternehmen ins direkte Umland. Die Hamburger Auspendler folgen. Dass Hamburger aber auch bereit sind, längere Strecken auf sich zu nehmen, um zur Arbeit zu kommen, sieht man daran, dass immerhin knapp 6500 nach Bremen, Kiel oder Lübeck pendeln - knapp doppelt so viele wie noch im Jahr 2000. Die Zahl der Großstädter, die für den Job in eine andere Stadt oder Gemeinde pendeln, wird nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Urbanistik in den nächsten Jahren wohl steigen. «Das wird vermutlich weiter wachsen, wenn der Verkehr weiter ausgebaut und verbessert wird. Die Tendenzen dazu sind da», sagte der Mobilitätsforscher Tilman Bracher. Über das Pendeln sagt Uni-Präsidentin Hipp: «Es ist schon anstrengend.» Alles sei sehr eng getaktet. Obwohl sie abends oftmals keine Zeit mehr habe, sich mit Bekannten zu treffen, sieht sie auch Vorteile in der täglichen Bahnfahrt. «Man ist quasi hier einsperrt. So schaffe ich es auch, jeden Tag zwei Zeitungen zu lesen», sagt sie. Die Zugfahrt zwinge sie auch, eine Grenze zum Job zu ziehen. «Man ist gezwungen, abends aufzuhören, weil der Zug pünktlich abfährt.» Nach vielen Jahren des Pendelns werde sie demnächst allerdings nach Cottbus umziehen, sagt Hipp. Ihr Sohn habe seine Schulzeit in Berlin beendet. Das Pendeln selbst sei kein Grund für den Umzug gewesen, betont sie. ( Text: Anna Ringle und Martin Fischer)