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Der neue Ton im VW-Betriebsrat

Daniela cavallo vw bng
Foto: Kevin Nobs/VW-Betriebsrat/dpa

Wo bisher oft und gern gepoltert wurde, will sie stiller, aber genauso entschlossen die Strippen ziehen: Daniela Cavallo könnte sich als eine Verkörperung dessen erweisen, was VW seit der Analyse des Diesel-Desasters mit dem viel beschworenen Kulturwandel meint. Nicht nur aus Sicht der Arbeitnehmer-Seite.

Die Tochter eines italienischen Gastarbeiters sitzt jetzt seit einem Vierteljahr an zwei zentralen Schaltstellen der Macht im größten deutschen Unternehmen. Cavallo leitet die von der IG Metall geprägte, überall mitredende VW-Belegschaftsvertretung. Außerdem entscheidet die 46-jährige Bürokauffrau und Betriebswirtin im engsten Zirkel des Aufsichtsrats über die grundlegenden Fragen bei dem Autoriesen mit. Beides scheint - gemessen an den früheren, gleichsam ritualisierten Konflikten mit dem Vorstand - fast geräuschlos zu laufen. Den lange anhaltenden Spekulationen um die Zukunft des Konzernchefs entzog das Kollegium der Kontrolleure gerade mit einem neuen Vertrag für Herbert Diess den Nährboden. Wer diesen und andere Beschlüsse mit Beteiligung Cavallos als Kuschelkurs interpretiert, sollte sich jedoch vorsehen. «Ich finde mich schon darin wieder, wenn es heißt, ich wäre leiser, ginge kontroverse Themen oder Eskalationsphasen anders an», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist sicherlich ein anderer Stil. Aber das heißt eben nicht, dass ich weniger durchsetzungsfähig wäre.» Wichtig sei es ihr, «immer vom Ziel her» zu denken. «Und mein Weg dorthin wird sicherlich an vielen Stellen mein ganz eigener sein.» Der Vertrauensvorschuss für die Nachfolgerin des langjährigen Betriebsratsbosses Bernd Osterloh ist groß. Dieser wechselte zum 1. Mai als Personalvorstand zur VW-Nutzfahrzeug-Holding Traton, nach der Ablehnung vorheriger Angebote für viele überraschend. Cavallo hatte bereits vor Osterlohs Abgang großen Anteil am Tarifkompromiss, der im April nach fünf langen Verhandlungsrunden stand. Im Juni wurde sie zur Vorsitzenden des Weltkonzernbetriebsrats von VW gewählt - einstimmig. Sie arbeitete sich weiter ein, stellte sich bei Töchtern wie Skoda vor, will spätestens 2022 die Standorte in China besuchen. In ihre ersten 100 Tage an der Spitze fielen schon einige wichtige Themen. So findet Cavallo die Entscheidung, nun die ostdeutschen VW-Beschäftigten schrittweise in den Haustarif mit 35-Stunden-Woche zu holen, «gesellschaftspolitisch überfällig». Für die Zeit nach Corona will sie die Flexibilität durch Homeoffice und mobile Arbeit mit dem Wunsch vieler Kolleginnen und Kollegen, sich wieder mehr persönlich auszutauschen, unter einen Hut bringen. In der Produktion seien ebenso abgestufte Schichtmodelle für «agile Fertigung» nötig. Bei der Frauenförderung für Führungspositionen könne VW mehr tun. Das Problem sei nicht das Ziel, sondern die Umsetzung, so Cavallo: «Wir müssen schauen, dass geeigneter weiblicher Nachwuchs auch wirklich erkannt wird.» Bisher findet sich mit Hiltrud Werner nur eine Frau im achtköpfigen Konzernvorstand. Gleichzeitig tut sich Volkswagen schwer damit, endlich die Wunsch-Vorständin für den aufgewerteten IT-Bereich zu finden. Man müsse den Frauenanteil indes «auch von den unteren Ebenen her» entwickeln, betont Cavallo. «Da müssen wir dranbleiben.» Diess freut sich auf die Zusammenarbeit - in Anbetracht früherer Betriebrats-Hakeleien fast ungewöhnlich. Er finde es «sehr positiv, was Daniela Cavallo in ihren ersten 100 Tagen schon eingeleitet hat», sagte der Vorstandschef der dpa. Er sehe nun «eine Chance für einen anderen Umgangston miteinander, für eine bessere Dialogkultur. Sie wird jetzt sicherlich auch inhaltlich neue Schwerpunkte setzen. Das ist sehr vielversprechend und positiv für unser Unternehmen.» Die Vorbereitungen für die Investitionsrunde im Herbst laufen schon - ein Termin, zu dem Fabriken in aller Welt Begehrlichkeiten anmelden. In die neue Strategie mit noch mehr E-Mobilität und Digitalisierung, die Diess kürzlich vorstellte, war Cavallo eingebunden. Aber wo soll etwa das geplante zweite Batteriezellwerk in Deutschland entstehen? «Uns ist klar, dass die Bedingungen stimmen müssen», sagte sie nach der Bekanntgabe der Pläne. «Daher erwarten wir, dass der Vorstand die Arbeit an den nötigen Voraussetzungen für einen weiteren Standort mit Nachdruck vorantreibt, um auch die zweite Giga-Fabrik ins Ziel zu bringen.» Diess will sich noch nicht in die Karten schauen lassen, er erwartet generell einen «interessanten Wettbewerb um die Standorte». In der Vergütung hoher Betriebsratsmitglieder will Cavallo sich derweil für mehr Transparenz einsetzen - und gab ihr eigenes Jahresgehalt, Boni außen vor gelassen, unverblümt mit gut 100 000 Euro an. Bei einigen der übrigen Kontrolleure wird diese Art des nicht allzu lauten, aber verbindlichen Auftretens geschätzt. Ähnlich denken manche in der Belegschaft: VW könnte etwas weniger Draufgängertum durchaus gut tun. Bei Osterloh hatten Beobachter mitunter den Eindruck, es gehe in den Duellen mit «Onkel Herbert» (Diess) teils um Profilierung - Streit in der Sache, gewiss, allerdings mit Tendenz zur Seifenoper, wie die «Süddeutsche Zeitung» einmal befand. Wobei freilich auch Diess eine gewisse Neigung zur Provokation nicht abgesprochen werden sollte. 2020 schaukelte sich der Schlagabtausch derart hoch, dass er Aufsichtsräten strafbares Verhalten vorwarf. Cavallo formuliert es diplomatisch: «Ich warne davor, die Dinge zu stark zu personalisieren - egal, ob nun an der Spitze von Betriebsrat oder Unternehmen. Das erschwert den nötigen Blick auf die Komplexität der Themen.» Zu ihrem Vorgänger meint sie: «Wir sind grundverschieden in unserer Persönlichkeit. Aber eben nicht in unseren inhaltlichen Ansichten, Überzeugungen und Zielen dazu, was gute Betriebsratsarbeit im Sinne der Beschäftigten ausmacht.» Sieht sie Prinzipien in Gefahr, mischt sich Cavallo nicht minder offensiv ein. Auch außerhalb von Volkswagen. Als der Schiffbauer Meyer-Werft eine interne Abstimmung zum Jobabbau vorbei am eigenen Betriebsrat machte, schrieben sie und andere Gewerkschafter Anfang Juni wütende Briefe nach Papenburg. Was dort passiere, sei ein «Angriff auf die Sozialpartnerschaft» und eine «Vergiftung der Lage». Wie Osterloh will Cavallo breit mitdiskutieren. Die Umbrüche in der Autobranche müssten als «sozialer Sprengstoff» stärker thematisiert werden, sagte sie der «Zeit»: «Es wird wenig darüber gesprochen, wie wir die Arbeitsplätze erhalten. Das verunsichert die Beschäftigten. (...) Wir alle - im Betriebsrat, im Management und in der Politik - müssen dafür sorgen, dass dieser Wandel nicht nach hinten losgeht.» (Text: Jan Petermann, dpa)