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Kettler kämpft wieder ums Überleben

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Foto: dpa

Für Millionen Deutsche, die noch vor der Smartphone-Ära groß wurden, ist das Kettcar ein unvergessliches Stück Kindheit. Der frühere Formel-1-Star Michael Schumacher drehte auf dem 1961 von Heinz Kettler erfundenen Tretauto ebenso seine ersten Runden wie Millionen anderer Kinder. Doch trotz mehr als 15 Millionen verkaufter Kettcars - von einer ruhmreichen Vergangenheit allein lässt sich nicht leben. Das bekommt der Kettcar-Hersteller Kettler immer mehr zu spüren.

Am Mittwoch, 31. Juli musste der Freizeitgerätehersteller bereits zum dritten Mal innerhalb von gut vier Jahren den Gang zum Insolvenzgericht antreten. Die Kettler Freizeit GmbH und die Kettler Plastics GmbH beantragten dort ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Dem habe das Amtsgericht Arnsberg stattgegeben, teilte das Unternehmen mit. Zuvor hatte der «Soester Anzeiger» über die Entwicklung berichtet. Für die noch rund 550 Beschäftigten von Kettler ist es ein bitterer Rückschlag. Denn erst vor sieben Monaten hatte der Einstieg des Finanzinvestors Lafayette Mittelstand Capital bei dem Traditionsunternehmen wieder ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten aufkommen lassen. Schließlich kündigte der neue Besitzer an, er wolle mit Kettler «die Kurve von der Traditions- zur Trendmarke» kriegen. Nötig wäre es wohl gewesen. Denn der Freizeitgerätehersteller kämpft seit geraumer Zeit mit schlechten Zahlen. Firmengründer Heinz Kettler hatte das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der führenden Hersteller von Sportgeräten, Fahrrädern und Gartenmöbeln gemacht. Er erfand nicht nur Deutschlands bekanntestes Tretauto. Er nahm für sich auch in Anspruch, 1977 weltweit das erste Aluminium-Bike auf den Markt gebracht zu haben. Und der Kettler-Hometrainer Golf war in den 1980er Jahren eines der beliebtesten Fitnessgeräte Europas. Doch verlor das Unternehmen später an Schwung. Spätestens nach dem Tod des Gründers 2005 ging es bergab. Schon 2009 musste Kettler Hunderte Arbeitsplätze abbauen. 2015 stellte das Unternehmen erstmals Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Doch gelang nach dem Abbau von rund 200 Stellen und dem Verkauf der Fahrradsparte ein Neuanfang. Die Rettung war allerdings nur von kurzer Dauer. Schon 2018 musste Kettler erneut zum Insolvenzgericht. Zeitweise schien eine Schließung der Firma wahrscheinlicher als eine Weiterführung, obwohl sich sogar die nordrhein-westfälische Landesregierung in die Rettungsbemühungen einschaltete. Erst der Einstieg von Lafayette brachte dann doch noch die Rettung in letzter Minute. Dass das Unternehmen nur sieben Monate später schon wieder Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung stellen musste, liegt laut Kettler daran, dass beim vorigen Insolvenzverfahren nicht gründlich genug aufgeräumt worden sei. In der Kürze der Zeit hätten damals nicht alle Aufgaben ausreichend erledigt werden können, um Kettler zukunftsfähig aufzustellen. «Die aktuelle Unternehmenssituation macht diesen Schritt daher erneut erforderlich», hieß es in der Erklärung des Unternehmens. Ziel sei es, Kettler nun nachhaltig zu sanieren. Lafayette und die Geschäftsführung von Kettler seien weiter vom großen Potenzial des Unternehmens überzeugt. Die Erste Bevollmächtigte der IG-Metall Hamm-Lippstadt Britta Peter, zeigte sich dennoch besorgt über die Entwicklung. «Die Betroffenheit ist groß, dass das gerade mal ein halbes Jahr gut gegangen ist.» Nach der zweiten Insolvenz innerhalb so kurzer Zeit werde es mit Sicherheit nicht einfacher, das Geschäft fortzuführen. Unausgesprochen steht in Ense-Parsin die Sorge im Raum, dass am Ende von Kettler nicht viel mehr übrig bleiben könnte, als der Dudeneintrag für das Kettcar als «mit Pedalen über eine Kette angetriebenes Kinderfahrzeug». (Text: Erich Reimann, dpa)